Der erste Wels über 50 kg verändert etwas. Nicht nur die Statistik — das Verhältnis zum Angeln selbst. Plötzlich ist der Drill kein Sport mehr, sondern ein physikalisches Problem: Wie hält man einen Fisch, der schwerer ist als man selbst, an einer Schnur, die dünner ist als ein Schuhband? Die Antwort liegt in der Vorbereitung — und in der Bereitschaft, 30 Minuten lang nicht loszulassen.

Die Montage: Warum wir auf Boilies und Köderfisch setzen

Der Rhein ist ein Strom, kein See. Es gibt Strömung, Schifffahrt und Struktur — und der Wels steht dort, wo die Nahrung vorbeikommt: an Buhnen, in Hafeneinfahrten, an den Kanten der Fahrrinne. Unsere Montagen sind darauf ausgelegt, genau dort zu halten, wo die Welse patrouillieren.

Wir fischen mit zwei Grundmontagen: einer Boilie-Montage mit 24-mm-Boilies (Fisch- und Muschelgeschmack) auf einem Hair-Rig, und einer Köderfisch-Montage mit ganzen Rotaugen oder Brassen. Beide werden mit schweren Bleien (150 bis 250 g) fixiert, damit die Strömung sie nicht verdriftet. Der Biss kommt über den elektronischen Bissanzeiger — und dann zählt jede Sekunde.

Montage-Tipp:

Das Vorfach sollte mindestens 0,60 mm Monofil oder eine geflochtene Schnur mit 50 kg Tragkraft haben. Welse haben keine scharfen Zähne wie Hechte, aber ihre Bürstenzähne schmirgeln dünnes Material über die Dauer eines Drills durch.

Der Biss: Keine Vorwarnung

Ein Wels beißt nicht vorsichtig. Es gibt kein Zupfen, kein Testen. Der Biss fühlt sich an, als hätte jemand einen Betonblock an die Schnur gehängt — und dann beginnt der Betonblock, sich zu bewegen. Die Rute geht sofort in die Krümmung, die Bremse schreit, und die ersten 10 Sekunden entscheiden, ob der Haken sitzt.

Unsere Gäste bekommen vor dem ersten Ansitz eine Einweisung: Rute im 45-Grad-Winkel halten, Bremse auf 30 bis 40 % der Schnurtragkraft einstellen, und beim Biss sofort, aber kontrolliert anschlagen. Der Wels hat ein hartes Maul — ohne beherzten Anschlag sitzt der Haken nicht. Wer zögert, verliert den Fisch.

Kapitaler Wels neben Boot im Rhein, Angler kniet am Rand
Ein 58-kg-Wels nach 26 Minuten Drill. Der Kopf allein ist so breit wie ein Oberkörper.

Der Drill: 20 bis 40 Minuten

Ein 50-kg-Wels macht in den ersten drei Minuten alles, was er kann: Fluchten in die Strömung, Kopfschläge, Abtauchen in die Fahrrinne. Danach beginnt die Ausdauerphase. Der Fisch zieht nicht mehr hart, aber stetig — er nutzt seine Masse, um die Schnur langsam von der Rolle zu nehmen. Jetzt heißt es: pumpen. Rute hoch, Schnur einholen, Rute runter, wiederholen. 30 Minuten lang.

Die häufigste Fehlerquelle in dieser Phase ist Ungeduld. Gäste wollen den Fisch hochpumpen, bevor er müde ist. Das Ergebnis: Schnurbruch oder Hakenverlust. Unsere Regel lautet: Solange der Fisch Schnur nimmt, wird nicht gepumpt. Erst wenn er steht und nur noch den Kopf schüttelt, beginnt das Einholen. Geduld ist hier keine Tugend — sie ist die einzige Technik, die funktioniert.

Die Landung: Kein Kescher, keine Kompromisse

Ein Wels über 40 kg passt in keinen Kescher. Die Landung erfolgt per Gaff oder mit dem Wallergriff — ein gezielter Griff in den Unterkiefer, während der Guide den Fisch stabilisiert. Es ist kein schöner Moment, aber er ist notwendig: Ein 60-kg-Fisch, der neben dem Boot kreist, ist eine Gefahr für Mensch und Material.

Nach der Landung wird der Fisch gewogen, fotografiert und — auf Wunsch des Gastes — für die Küche verwertet. Welsfleisch ist fest und grätenfrei und wird in der regionalen Küche geschätzt. Wer den Fisch zurücksetzen möchte, tut dies bei Fischen unter 40 kg — größere Tiere haben nach einem langen Drill schlechte Überlebenschancen.

Zahlen aus der Saison 2025:

Durchschnittsgewicht gelandeter Welse: 32 kg. Größter Fisch der Saison: 74 kg. Durchschnittliche Drillzeit: 21 Minuten. Längster Drill: 38 Minuten (ein 68-kg-Wels, der zweimal in die Fahrrinne ging).

Warum der Rhein anders ist

Andere Welsreviere — der Po, der Ebro — sind stehende oder langsam fließende Gewässer. Der Rhein fordert etwas anderes: Man fischt gegen die Strömung, gegen die Schifffahrt, gegen die Zeit. Die Ansitze sind lang, die Nächte kurz, und der Biss kommt, wann er will. Aber genau das macht es aus: Wenn nach sechs Stunden Warten der Bissanzeiger loslegt und die Rute krumm wird, weiß man, warum man hier sitzt.